Das „Wiener Modell“ der psychoanalytisch-pädagogischen Erziehungsberatung

Das „Wiener Modell“ der psychoanalytisch-pädagogischen Erziehungsberatung – APP Wien

Das von Helmuth Figdor entwickelte Konzept der psychoanalytisch-pädagogischen Erziehungsberatung richtet sich an Eltern sowie an Personen, die beruflich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Im Mittelpunkt stehen belastende oder als schwierig erlebte Erziehungssituationen. Gleichzeitig zeigt die Beratung in vielen Fällen positive Wirkung bei Verhaltensauffälligkeiten, Entwicklungsschwierigkeiten und anderen Symptomen von Kindern und Jugendlichen.

Grundlage des Wiener Modells ist die Annahme, dass sogenannte neurotische Symptome zwar Ausdruck innerer Konflikte sind, diese jedoch häufig noch nicht so verfestigt sind, dass sie sich nicht durch Veränderungen in den kindlichen Objektbeziehungen beeinflussen ließen. Pädagogische Beziehungen erhalten damit eine zentrale Bedeutung für Entwicklung und Veränderung.

Beratung versteht sich in diesem Modell nicht als einseitige Weitergabe von Lösungen oder Ratschlägen durch vermeintlich „wissende“ Beraterinnen und Berater. Vielmehr handelt es sich um einen gemeinsamen Suchprozess. Die Klientinnen und Klienten bringen ihr Wissen über das Kind und den Alltag ein. Dieses Erfahrungswissen verbindet sich mit dem fachlichen Wissen der Beraterin bzw. des Beraters, um gut begründete Annahmen über mögliche – auch unbewusste – Ursachen der Probleme zu entwickeln. Diese Hypothesen werden im weiteren Verlauf überprüft, bestätigt oder verworfen.

Eine zentrale Rolle spielt der Aufbau einer positiven Übertragungsbeziehung. Zu Beginn wird ein Arbeitsbündnis zwischen Klientin bzw. Klient und Beraterin bzw. Berater vereinbart. Im Verlauf der Beratung prüft man dieses Bündnis immer wieder auf seine Tragfähigkeit.

Ein weiteres zentrales Element ist das Aufspüren sogenannter „pädagogischer Geister“. Darunter versteht man Annahmen der Klientinnen und Klienten über das Kind, über Erziehung oder Entwicklung, die objektiv nicht zutreffen, jedoch eine wichtige Abwehrfunktion erfüllen und das psychische Gleichgewicht stabilisieren. Treten solche „Geister“ in Erscheinung, wirkt die Beraterin bzw. der Berater entlastend, etwa durch Aufklärung über psychodynamische Zusammenhänge. Sobald ein solcher „Geist“ aufgelöst werden kann, lässt sich der gemeinsame Suchprozess fortsetzen.

Auf diese Weise gelingt es Eltern und Erziehenden zunehmend besser, sich in das Kind, seine Bedürfnisse und seine Schwierigkeiten einzufühlen. Bei Bedarf ergänzt man den diagnostischen Prozess durch das Einbeziehen des Kindes, durch Spielbeobachtungen oder durch projektive Testverfahren.

Wenn Beraterin bzw. Berater und Klientin bzw. Klient zu einem tragfähigen Verständnis der Problemlage gelangen, geht das diagnostische Arbeitsbündnis in ein pädagogisches Arbeitsbündnis über. Ziel ist es nun, die gewonnenen Erkenntnisse in der pädagogischen Beziehung so umzusetzen, dass positive Veränderungen im Sinne der Entwicklungsinteressen des Kindes möglich werden.

Indem die Klientinnen und Klienten aktiv in den Verstehensprozess eingebunden sind, verfolgt die psychoanalytisch-pädagogische Erziehungsberatung den Anspruch, Erziehende dazu zu befähigen, zunehmend selbst zu entscheiden, wie pädagogisches Handeln die Entwicklung von Kindern unterstützen kann. Dies unterscheidet das Wiener Modell von Beratungsansätzen, die fertige Diagnosen, Deutungen oder Verhaltensanweisungen vorgeben. Dort bleibt oft unklar, unter welchen Bedingungen pädagogische Maßnahmen sinnvoll und verantwortbar sind.

Im Wiener Modell vermittelt Beratung pädagogisch relevantes Wissen nicht nur auf kognitiver Ebene. Sie berücksichtigt auch die affektiven Prozesse, die notwendig sind, damit dieses Wissen aufgenommen, verstanden und im Alltag umgesetzt werden kann. Im Zentrum steht dabei stets die Wahrung der Entwicklungsinteressen des Kindes.

Literatur zum „Wiener Modell“ der psychoanalytisch-pädagogischen Erziehungsberatung

Barth-Richtarz, J. (2009): Diagnostik im Kontext psychoanalytisch-pädagogischer Erziehungsberatung. In: Datler, W., Steinhardt, K., Gstach, J. u. a. (Hg.): Der pädagogische Fall und das Unbewusste. Psychoanalytische Pädagogik in kasuistischen Berichten. Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik 17. Gießen: Psychosozial-Verlag, S. 37–60.

Figdor, H. (1999): Aufklärung, verantwortete Schuld und die Wiederentdeckung der Freude am Kind. Grundprinzipien des Wiener Konzeptes psychoanalytisch-pädagogischer Erziehungsberatung. In: Datler, W.; Figdor, H.; Gstach, J. (Hg.): Die Wiederentdeckung der Freude am Kind. Psychoanalytisch-pädagogische Erziehungsberatung heute. Gießen: Psychosozial-Verlag, S. 32–60.

Figdor, H. (2002): Psychoanalytisch-pädagogische Erziehungsberatung. Theoretische Grundlagen. In: Finger-Trescher, U.; Krebs, H.; Müller, B. u. a. (Hg.): Professionalisierung in sozialen und pädagogischen Feldern. Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik 13. Gießen: Psychosozial-Verlag, S. 70–90.

Figdor, H. (2008): Psychoanalytisch-pädagogische Erziehungsberatung. In: Figdor, H. (Hg.): „Denn wir können die Kinder nach unserem Sinne nicht formen …“ (J. W. von Goethe). Festschrift zum 10-jährigen Bestehen der Arbeitsgemeinschaft Psychoanalytische Pädagogik (APP). Wien: Empirie Verlag, S. 39–70.

Neudecker, B. (2008): Aus der Praxis der psychoanalytisch-pädagogischen Erziehungsberatung: Beat, der Glückliche. In: Figdor, H. (Hg.): „Denn wir können die Kinder nach unserem Sinne nicht formen …“ (J. W. von Goethe). Wien: Empirie Verlag, S. 71–95.