Segensreiche Entdeckung oder Erfindung?
Ich sitze in meinem Stammcafé, den Kugelschreiber zwischen den Zähnen. Ich soll für das Magazin des Grünen Kreises einen Artikel über ADHS schreiben. Eine der Schwierigkeiten: Er soll nur vier Seiten umfassen. Die andere: Wie beginne ich, ohne dass all jene, die der Idee ADHS wohlwollend bis dankbar anhängen, den Artikel sofort beiseite legen?
Mein Stammcafé hat WLAN, und ich beginne, auf meinem Handy zu googeln. Vielleicht finde ich neuere Statistiken über den epidemischen Anstieg der Diagnose ADHS bzw. der damit zusammenhängenden Verschreibungen chemischer Psychostimulantien. Da stoße ich plötzlich auf einen Eintrag mit dem Titel Beichte auf dem Sterbebett: ADHS gibt es gar nicht. In diesem und einem weiteren Artikel wird berichtet, dass der amerikanische Psychiater Leon Eisenberg, der in den 60er Jahren als erster das Krankheitsbild Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) postuliert haben soll, kurz vor seinem Tod dem Medizinjournalisten Jörg Blech in einem Interview gestanden habe, „dass ADHS ein Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung sei“, seine „Jugendsünde“ bereue und – entgegen der Behauptung des ADHS-Konzepts, es handle sich bei den typischen Symptomen um die Folgen einer genetisch bedingten Störung des Hirnstoffwechsels – die Psychiater auffordere, nach den psychosozialen Ursachen zu forschen.
Ich muss lachen: Mir fällt eine Stelle in einem Science-Fiction-Roman, ich glaube von Stanislaw Lem, ein, den ich vor Jahrzehnten gelesen habe. Wenn ich mich recht erinnere, wird dort der liebe Gott von einem seiner Engel auf Probleme aufmerksam gemacht, die auf dem kleinen Planeten Erde von den dort lebenden Menschen verursacht werden. Worauf Gott – so oder so ähnlich – antwortete: „Von den Menschen? Die gibt es noch? Die waren doch seinerzeit ein völlig misslungenes Experiment!“
Ob es dieses Interview bzw. Eisenbergs Beichte wirklich gegeben hat oder, wie vieles im Netz, ein Fake ist, kann ich nicht beurteilen. Aber er hat mich zum ersten Mal im Zusammenhang mit ADHS zum Lachen gebracht, das mir normalerweise bei diesem Thema vergeht: ADHS wurde tatsächlich nicht „entdeckt“, sondern konstruiert. Die einzige empirische Grundlage ist die paradoxe Wirkung einiger Psychostimulantien auf eine Gruppe hyperaktiver und partiell konzentrationsschwacher Heranwachsender (partiell deshalb, weil sich auch diese Kinder durchaus konzentrieren können, wenn es um Aktivitäten geht, die sie mögen).
Aus dieser paradoxen Wirkung wurde die Hypothese einer hirnorganischen Ursache postuliert – mit gravierenden Folgen: Innerhalb von 25 Jahren hat sich die Menge an suchtgefährdenden Stimulantien, die Kindern und Jugendlichen verschrieben wurden, auf das 25- bis 50-Fache – je nach Land – erhöht.
Die fatale Verführung
Dass es sich bei „ADHS“ um eine erfundene Krankheit handelt, ändert natürlich nichts daran, dass es hyperaktive und konzentrationsschwache Kinder gibt, die mit den Regeln des durchschnittlichen Alltags nur schwer oder gar nicht zurechtkommen – und ebenso die Erwachsenen, die diese Regeln repräsentieren, mit diesen Kindern schwer oder gar nicht zurechtkommen.
Dann treten Experten auf, die den Eltern oder Pädagogen versichern, nichts falsch gemacht oder versäumt zu haben, da diese Kinder schlicht krank seien. Man gibt ihnen ein Medikament, das 50–75 % der betroffenen Kinder tatsächlich ein Stück Beruhigung schenkt und ihnen die Anpassung an Schule und Familienleben erleichtert – ohne die Notwendigkeit vielleicht quälender Selbstforschung oder nur mittelfristig wirkender Psychotherapie.
Dieser Verführung – Absolution und rascher Erfolg – ist nur schwer zu widerstehen. Allerdings um einen hohen Preis:
- Unmittelbare Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit und Schlafstörungen, vom Suchtpotenzial von Ritalin & Co ganz abgesehen
- Mitunter deutliche kognitive Einschränkungen
- Die – empirisch nicht hinreichend gesicherte – Vermutung, dass mehrjährige Einnahme im Alter die Wahrscheinlichkeit für Parkinson erhöht
- Aus pädagogischer Sicht besonders relevant: Die chemische Beruhigung schneidet die Kinder von ihrer affektiven Lebensquelle ab. Sie können zwar arbeiten und lernen, aber mit deutlich verringerter innerer Beteiligung
- Kinder delegieren die Verantwortung für ihre Selbstkontrolle an die Substanz – ein Teil ihrer Persönlichkeitsentwicklung bleibt stehen
- Viele entwickeln Angst, nach dem Absetzen von unkontrollierbaren „bösen“ Energien überschwemmt zu werden
Diagnose plus Medikament definieren das Selbstbild des Kindes als defizitär, krank und potenziell gefährlich.
„ADHS“ aus psychodynamischer Sicht
1.
Ähnlichen Symptomen können ganz unterschiedliche psychodynamische Konstellationen zugrunde liegen. Das gilt auch für Hyperaktivität und Konzentrationsprobleme. Dennoch zeigen sich in der therapeutischen Praxis häufig Gemeinsamkeiten:
- Frühe traumatische Erlebnisse, oft im Zusammenhang mit Trennungen
- Ein fehlender oder emotional nicht verfügbarer Vater
- Eine mangelnde Triangulierung innerer Beziehungen
Das Kind bleibt auf eine enge dyadische Beziehung – meist zur Mutter – angewiesen. Solche Beziehungen sind konfliktgeladen. Konflikte lösen existenzielle Angst aus, weil das Kind auf genau diese Beziehung angewiesen ist. Enttäuschung und Aggression werden verdrängt, brechen aber immer wieder durch. Das Ergebnis: neurotische Symptome und ein Kreislauf aus Konflikt und Angst.
Zusätzlich leidet die Fähigkeit zur Symbolisierung: Affekte drängen in körperliche Entladung, statt bewusst verarbeitet zu werden. Dadurch bleiben sie unkontrollierbar und können nicht in Interessen überführt werden. Längere Konzentration fällt schwer.
2.
Im Umgang mit diesen Kindern werden oft zwei Ebenen vermischt:
- langfristige Entwicklung
- unmittelbare Anpassung
Im Alltag geht es oft um Ruhe, Schutz und Ordnung. Da bleibt wenig Raum für pädagogische Reflexion. In solchen Situationen können auch Medikamente vorübergehend eingesetzt werden – nicht wegen einer Diagnose, sondern aus praktischer Notwendigkeit, um überhaupt Entwicklungsschritte zu ermöglichen.3.
Was diese Kinder brauchen, lässt sich klar benennen:
- Stabile Beziehungen
Sie müssen erleben, dass Beziehungen auch dann bestehen bleiben, wenn sie anecken - Erwachsene, die Affekte verstehen und benennen können
Statt zu tadeln, hilft es, Verhalten als Ausdruck innerer Zustände zu sehen
Beispiel:
Ein Kind tritt im Unterricht gegen einen Sessel. Statt Strafe könnte die Reaktion sein: „Oje, irgendetwas ist passiert, und jetzt geht es dir nicht gut. Habe ich etwas falsch gemacht?“
So bleibt die Beziehung bestehen und wird für das Kind erfahrbar.
4.
Entwicklungsförderndes Handeln ist nicht auf die Familie beschränkt. Auch Schule und Kindergarten können diese Funktion übernehmen.
Das eigentliche Problem liegt oft in den Gefühlen, die diese Kinder auslösen: Wut, Überforderung, Ohnmacht. Sie gefährden Ordnung und Struktur. Dadurch entsteht leicht Ablehnung – genau das Gegenteil dessen, was sie brauchen.
Schlussgedanke
Das ADHS-Konzept verstärkt diese Ablehnung, indem es das Kind als krank und störend definiert. Sieht man stattdessen ein Kind in Not, entstehen andere Reaktionen: Verständnis, Unterstützung, Beziehung.
Wenn das nicht gelingt, können Beratung oder Supervision helfen. Diese Kinder verdienen mehr als die Ruhigstellung durch chemische Mittel.
Steckbrief
Univ.-Doz. Dr. Helmuth Figdor
Psychoanalytiker, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut, Erziehungsberater in eigener Praxis
Dozent an der Universität Wien und an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
Ehrenpräsident der Arbeitsgemeinschaft Psychoanalytische Pädagogik (APP)
Literaturempfehlungen
- Bovensiepen, G./Hopf, H./Molitor, G. (Hrsg.): Unruhige und unaufmerksame Kinder – Psychoanalyse des hyperkinetischen Syndroms.
Darin zur Neurobiologie und dem Wirkmechanismus von Ritalin der Aufsatz von G. Hüther, S. 70-91 - Heinemann, E./Hopf, H.: AD(H)S. Symptome, Psychodynamik, Fallbeispiele,
Psychoanalytische Theorie und Therapie. - Arbeitsgemeinschaft Psychoanalytische Pädagogik (APP) (Hrsg.): ADS/ADHS: Ein Mythos? Eine Herausforderung? Audiomitschnitt der Vorträge und schriftliche Zusammenfassung von Workshops. Fachtagung am 29.4.2006. CD-ROM (erhältlich über das APP-Sekretariat: 01/4030160 oder per email: app-wien.sekretariat@gmx.at)
Hilfe und Unterstützung
Arbeitsgemeinschaft Psychoanalytische Pädagogik (APP)
Beratung, Supervision, Fortbildung
E-Mail: info@app-wien.at
Tel: 01/4030160
Homepage: www.app-wien.at